2010-05-29 Die Presse

Nächste Ausfahrt Abgrund

Das Artis-Quartett rückt Egon Wellesz in die Nähe von Schubert.
Erwischt! Das frühe Schubert-Streichquartett D 87 also wieder mal als Einspielstück angesetzt. Mit dieser Unterstellung täte man dem Artis-Quartett freilich unrecht: Das Ensemble spannte das Stück am Donnerstag in einer spannenden Programmierung mit dem dritten Streichquartett von Egon Wellesz zusammen. Spannend, weil durch seine dunkle Schubert-Interpretation Wellesz als organische Fortsetzung erschien. Da wurden ähnliche Stimmungen und Seelenwelten spürbar, nur in anderem Dialekt. Als würde ein Maler ein Motiv erst als Aquarell, dann als Ölbild realisieren. Hier wie dort rasche Stimmungswechsel, Passagen nervöser Rastlosigkeit und eine Ahnung von Vergeblichkeit aller (Lebens-)Mühen, an der die beschwingten Schlusssätze in Summe wenig ändern können.
Eine exemplarische Stelle: Gegen Ende des ersten Wellesz-Satzes erscheint unvermittelt eine Aufhellung. Sie bleibt eine Art Verkehrsinsel der Hoffnung, schon bald nimmt die Partitur zielsicher die nächste Ausfahrt Richtung Abgrund. Das alles wird mit absoluter Präzision und einer Intensität ausgeführt, die kein dynamisches Auftrumpfen als Geschmacksverstärker benötigt.

Völlig andere Klangwelten nach der Pause bei Chopins zweitem Klavierkonzert. In der Fassung für Streichquartett und Klavier kamen jedoch die oft beklagten Mängel des Orchesterparts fast noch deutlicher zum Vorschein. Dafür konnte man sich am weichen, perlenden Anschlag des jungen ukrainischen Pianisten Vadym Kholodenko laben. Technisch ausgefeilt, aber völlig unprätentiös widerstand er der Pathos-Versuchung. Von ihm wird man noch hören.
hd.

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